Abitur in Bottrops Mini-Jahrgang: Wie Schüler aus drei Städten zu einer Stufe wurden
Bottrop. Am Heinrich-Heine-Gymnasium machen 2026 nur 36 Schüler Abitur. Ein Jahrgang mit Herausforderungen und Vorteilen. Wie erleben die Schüler diese Ausnahmesituation?
Nicht bereits in Jahrgangsstufe 5, sondern erst ab Klasse 10 bildete sich die Stufe, die im Schuljahr 2025/2026 am Heinrich-Heine-Gymasium (HHG) ihr Abitur macht. Jonathan, Helin und Matthew sind Schüler eben dieser Stufe und stecken gerade mitten in den Abiturprüfungen. „Wir kamen vor drei Jahren von Realschulen und von einem anderen Gymnasium“, erklären sie im Gespräch mit der Redaktion. Für sie sei der Wechsel an das HHG die einzige Option gewesen.
Nur 36 Schüler legen dort in diesem Jahr ihr Abitur ab. Damit sind sie nicht nur die einzigen Abiturienten an einem Gymnasium in der Stadt, sondern auch die letzten, die in Nordrhein-Westfalen schon nach zwölf Jahren (G8) ihr Abitur machen. Der nächste Jahrgang befindet sich aktuell zwar ebenfalls in Stufe 12 (G9), wird allerdings erst 2027 seinen Abschluss machen.
Sie wechselten von Realschulen und anderen Gymnasien an das Heinrich-Heine-Gymnasium
Um die entstehende Lücke beim Übergang von G8 zu G9 zu schließen, wurden in NRW Bündelungsgymnasien eingerichtet, in Bottrop das HHG. Schüler aus Bottrop und Gladbeck, teilweise auch aus Oberhausen, die im Schuljahr 2023/2024 von einer Realschule in die gymnasiale Oberstufe wechseln wollten, oder auf einem Gymnasium die zehnte Klassen wiederholen mussten, wurden in einer Stufe zusammengefasst.
An Gesamtschulen und Berufskollegs wird das Abitur regulär erst nach 13 Jahren abgelegt. Sie sind von der Umstellung von G8 auf G9 nicht betroffen.
Wir hatten weniger Zeit zum connecten.
Jonathan Pospiech, Abiturient am Heinrich-Heine Gymnasium
Für die drei Abiturienten änderte sich bei ihrem Wechsel an das HHG nicht nur die Schule und der Schulweg, sondern vor allem die Mitschüler. Die gesamte Stufe hatte sich neu finden müssen. Einzig eine Schülerin sei bereits vorher an dieser Schule gewesen. „Wir hatten weniger Zeit zum connecten,“ sagt Jonathan. Doch der Zusammenhalt sei über die drei Jahre gut gewesen und stetig gewachsen. Grüppchenbildung hätte es aber auch bei ihnen gegeben. „Dennoch kam man irgendwie mit jedem klar“, fügt er hinzu.
Im größten Leistungskurs sind es nur 20 Schüler
Mit nur 36 Schülern hat man eher die Größe einer Klasse als einer ganzen Jahrgangsstufe. Manchmal säßen in den Nebenfächern wie Musik nur drei Leute in einem Kurs. Das sei aber eine Ausnahme. Doch auch in den Leistungskursen seien sie nicht so viele. Nur im Erdkunde-LK seien 20 Schüler. Für die Abiturienten aber eher Vorteil als Nachteil. Jonathan meint: „Die Lehrer konnten so besser auf unsere Fragen eingehen.“
Es war immer eher ein Klassenfeeling.
Matthew Eberli, Abiturient am Heinrich-Heine-Gymnasium
Natürlich sei es am Anfang komisch gewesen, wenn man nur mit einer kleinen Lerngruppe und der Lehrkraft zusammensitzt. Platz zum Verstecken sei da nicht. „Aber wenn man in der Schule was lernen will, ist das gut so“, wirft Matthew schmunzelnd ein. „Alle waren dadurch auch irgendwie lockerer“, findet Jonathan. Schüler ebenso wie Lehrkräfte.
Auch Helin stimmt ihnen zu. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mich nicht schämen muss, wenn ich mich melde und etwas sage. Es fiel mir dadurch leichter mich zu beteiligen.“ Nur während der Grippesaison seien die wenigen Personen pro Kurs manchmal zur Herausforderung geworden. „Wenn fünf Leute im Kurs sind und drei krank werden, sitzt man da plötzlich nur noch zu zweit“, denkt Matthew an so manche Unterrichtsstunde zurück.
Ihre Situation sei für sie aber gar nicht so anders gewesen, als viele vielleicht denken könnten. Ihr Schulalltag sei normal gewesen und hätte alles beinhaltet, was zur Oberstufe dazugehört.
Wir fühlen uns gar nicht so besonders. Für uns war das alles normal.
Helin Metin, Abiturientin am Heinrich-Heine-Gymnasium
Die Stufenfahrten gingen nach Dublin und Berlin und die Mottowoche fand auch statt. Auch der Abiball sei in Planung. „Wir hatten so viel Auswahl bei der Wahl der Location“, sagt Jonathan lachend. Geld für den Abiball sammelten sie im Vorfeld unter anderem durch Getränkeverkäufe bei Konzerten. Das konnten sie auch als kleinere Stufe gut stemmen. Alle seien sehr hilfsbereit gewesen. „Die Schule und die Lehrkräfte haben uns immer unterstützt“, ergänzt Helin.
Nachteile haben sie in ihren drei Jahren am Bündelungsgymnasium nicht gespürt
Auf die Frage, ob sie irgendwelche negativen Auswirkungen gemerkt haben, schütteln alle drei den Kopf. Matthew kann sich nur an eine Situation vor der Q1 (Klasse 11) erinnern. „Wir hatten weniger Auswahl bei der Wahl unserer Leistungskurse. Geschichte-LK oder Informatik-LK sind nicht zustande gekommen. Das war schade, mehr aber auch nicht.“
Für Jonathan, Helin und Matthew stehen jetzt noch die letzten Prüfungen an. Danach folgen Freiwilliges Soziales Jahr, Ausbildung oder Studium.
Dass durch die verringerte Anzahl der Abiturienten auch der Numerus Clausus, also die Zugangsbeschränkung für gewisse Studiengänge, niedriger sei oder gar ausgesetzt werden könnte, habe bei ihnen in der Stufe weniger eine Rolle gespielt. „Klar, wurde mal darüber gesprochen, aber generell war es kein Thema“, erklärt Helin. Sie hatten ihre Pläne, ob „besonderer“ Jahrgang oder nicht.
Quelle: WAZ Online vom 27.04.2026 https://www.waz.de/lokales/bottrop/article411828831/abitur-in-bottrops-mini-jahrgang-wie-schueler-aus-drei-staedten-zu-einer-stufe-wurden.html

