„Ich wollte meine Heimat nicht verlassen“: Schüler teilen Fluchterfahrungen
Bottrop. Am Bottroper Heinrich-Heine-Gymnasium erzählen geflüchtete Schüler ihre bewegenden Geschichten – und ziehen überraschende Parallelen zu Anne Frank.
„Ich wollte meine Heimat nicht verlassen.“ Daran erinnert sich Adem noch ganz genau. Er ist zehn Jahre alt, als die Familie aus dem kurdischen Teil der Türkei flieht. Seinem Vater droht die Verhaftung, für die Familie ist klar: Sie müssen weg. Aber ein Zehnjähriger, der seine Cousins und Cousinen zurücklässt, seine Freunde, seine gewohnte Umgebung – wer so etwas nicht erlebt hat, der kann sich wohl nicht vorstellen, was das bedeutet.
„Als ich in der Schule gesagt habe, dass wir das Land verlassen, haben einige Lehrer geweint“, sagt Adem. Zu Fuß hat sich die Familie durchgeschlagen bis Italien. An Einzelheiten der Flucht vermag er sich gar nicht zu erinnern. Nur so viel: Die Familie lebt nun in Bottrop, Adem besucht die Vorbereitungsklasse am Heinrich-Heine-Gymnasium.
Mit ihm sind noch viele andere Kinder in dieser besonderen Klasse. Sie stammen ursprünglich aus dem Iran, aus Syrien, der Ukraine und anderen Ländern. Sie alle haben eines gemeinsam. Sie mussten ihre Heimat verlassen, sind vor Krieg und Gewalt geflohen. In Bottrop stehen sie vor einem Neuanfang. In der Vorbereitungsklasse lernen sie Deutsch und werden – der Name sagt es bereits – auf den Unterricht in den Regelklassen vorbereitet. Nach Abschluss dieser besonderen Klasse entscheidet sich, welche Schulform sie besuchen werden.
Anne Frank: Schüler nähern sich dem Schicksal der Holocaust-Opfer
Jetzt hat sich die Klasse im Fach Gesellschaftslehre mit dem Thema Anne Frank auseinandergesetzt. Lehrerin Julia Keller hat das Buch in einfacher Sprache gefunden. Dazu hat die AG Courage weitere Lektüre und Infos für ihre Mitschüler bereitgestellt.
Die Geschichte des jüdischen Mädchens Anne Frank, die mit ihrer Familie vor dem Nationalsozialismus in die Niederlande flieht und sich später über Jahre in einem Hinterhaus in Amsterdam versteckt und dabei Tagebuch führt. Kurz vor dem Ende des Krieges wird die Familie verraten und kommt ins Konzentrationslager. Lediglich der Vater überlebt den Holocaust.
Beim Befassen mit dem Buch seien den Schülerinnen und Schülern sofort Parallelen zur eigenen Geschichte aufgefallen, berichtet Julia Keller. Das Verlassen der Heimat, das Entwurzeltwerden, diese Erfahrung teilen die Jugendlichen durchaus mit Anne Frank. Und so entstand die Idee einer Ausstellung, in der es um das Schicksal Anne Franks geht und parallel dazu um die Flucht heute.
Schüler präsentieren Ausstellung zu Heimat und Zukunft in der Aula
Am Heinrich-Heine-Gymnasium war die kleine Ausstellung zu sehen. Schulleiter Tobias Mattheis ist sichtlich stolz auf die Schülerinnen und Schüler der Vorbereitungsklasse. Auch Oberbürgermeister Matthias Buschfeld hat sich die Exponate schon einmal angeschaut, zeigt sich sichtlich beeindruckt vom Engagement der Schüler und Lehrer.
Deutlich weisen die Jugendlichen auf den Schautafeln auch auf Unterschiede hin. „Natürlich sind unsere Geschichten nicht dieselben. Aber die Gedanken über Heimat, Verlust, Angst und Zukunft haben uns berührt. Daraus entstand die Idee für diese Ausstellung.“ So schreiben sie es auf eine der Schautafeln in der Aula.
"Der Verlust der Heimat, die Hoffnung auf ein besseres Leben, ein normales Leben in Frieden, das sind die Parallelen“, beschreibt Adem seine Wahrnehmung.
Flucht aus Syrien: Fatima kämpft mit Heimweh und neuen Zielen
Fatima (14) spricht darüber, wie sehr sie ihre Großeltern vermisst, die Tanten und Onkel. Seit drei Jahren lebt sie nun hier. Ihre Familie ist aus Syrien geflohen. Zehn Wochen seien sie unterwegs gewesen – zu Fuß. Sie weiß selbstverständlich, dass sie hier sicher ist, „doch es bleibt die Sehnsucht.“
In der Vorbereitungsklasse hat sie Deutsch gelernt. Nach den Sommerferien wird sie eine der Realschulen in der Stadt besuchen. Sie hat ein klares Ziel vor Augen, möchte Ärztin werden. Die Grundlage hat sie am HHG gelegt, hat dort die Sprache erlernt.
Das nämlich ist aus Sicht der Jugendlichen eine der größten Hürden beim Ankommen. Das findet sich auch in der Ausstellung wieder. Dort haben sie mit einem syrischen Flüchtling gesprochen, der am Heine das Abitur gemacht hat und jetzt studiert. Er erinnert sich: „Deutsch zählt zu den schwierigsten Sprachen der Welt. Am Anfang war es deshalb sehr anstrengend und herausfordernd. Mit der Zeit, viel Übung und Durchhaltevermögen wurde es jedoch immer leichter.“
"Es ist sehr schwierig. Ohne Sprache sind einem viele Möglichkeiten genommen und oft fühlt man sich hilflos."
Aufschrift auf einer Schautafel
Aber es sei tatsächlich so, dass es schwierig sei, dass einem ohne Sprache viele Möglichkeiten genommen seien. „Und oft fühlt man sich dann hilflos.
Can (15) ist mit seiner Familie ebenfalls aus Kurdistan geflohen. Mit dem Bus und auf Lkw hat sich die Familie durchgeschlagen. Mit den anderen Jugendlichen in der Klasse hat er eines gemeinsam. „Wir sind für ein neues, gutes Leben geflohen. Für unsere Zukunft.“
Die meisten der Schülerinnen und Schüler sind inzwischen in der neuen Heimat angekommen, fühlen sich hier wohl und sehen hier eine Chance. Er habe hier eine neue Heimat gefunden, sagt Adem mittlerweile. Nach den Sommerferien wird er das Berufskolleg besuchen, eine Ausbildung machen.
Leistung der Vorbereitungsklasse beeindruckt Lehrkräfte und Mitschüler
Julia Keller und Tobias Mattheis sind von dieser Entwicklung beeindruckt. Zumal die Jugendlichen sich nach den Ferien ja eben wieder auf eine neue Situation einstellen müssten. Man darf nicht vergessen, dass die Schülerinnen und Schüler aus der Vorbereitungsklasse in ihrem Leben schon oft entwurzelt wurden“, sagt Julia Keller.
Umso höher sei auch die Leistung mit Blick auf die Ausstellung einzuschätzen. Das Feedback der anderen Schülerinnen und Schüler und der Lehrkräfte sei absolut positiv, hebt Mattheis dann auch hervor.
Durch die Ausstellung, so hoffen er und seine Kolleginnen und Kollegen, bekommen die Jugendlichen noch einmal zusätzliches Selbstbewusstsein und gehen gestärkt auf ihren neuen Weg nach den Ferien.
Von Matthias Düngelhoff, Leiter Lokalredaktion Bottrop
Quelle: https://www.waz.de/lokales/bottrop/article412330852/die-heimat-zu-verlassen-ist-das-schwierigste-schueler-teilen-fluchterfahrungen.html [Sonntag, 21.06.2026]




